#1

Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 21:54
von Susasami • Admin - Das Hausekel ;) | 2.393 Beiträge

Kapitel I
Als Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, Canterville Chase kaufte, sagte ihm jeder, das sei sehr töricht gehandelt, weil es keinen Zweifel darüber gäbe, dass dort ein Gespenst umgehe. In der Tat hatte es Lord Canterville selbst, ein Mann von geradezu überspitztem Ehrgefühl, für seine Pflicht erachtet, diesen Umstand Mr. Otis gegenüber zu erwähnen, als sie über die Bedingungen verhandelten.
»Wir mochten selber nicht mehr dort wohnen«, sagte Lord Canterville, »seit meine Großtante, die Herzoginwitwe von Bolton, vor Schreck einen Anfall bekam, von dem sie sich nie mehr so recht erholte, weil sich zwei Knochenhände auf ihre Schultern legten, als sie sich zum Dinner ankleidete, und ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen, Mister Otis, dass mehrere lebende Mitglieder meiner Familie das Gespenst gesehen haben sowie auch der Pfarrherr der Gemeinde, Ehrwürden Augustus Dampier, graduiertes Mitglied des King's College in Cambridge. Nachdem der Herzogin jener Unglücksfall zugestoßen war, wollte keiner von der jüngeren Dienerschaft bei uns bleiben, und Lady Canterville fand des Nachts häufig nur wenig Schlaf wegen der mysteriösen Geräusche, die vom Gang und aus der Bibliothek kamen.«
»My Lord«, erwiderte der Gesandte, »ich übernehme die Einrichtung und das Gespenst zum Taxpreis. Ich komme aus einem modernen Land, wo wir alles haben, was für Geld zu kaufen ist, und angesichts all unserer rührigen jungen Leute, die mit ihrer Unternehmungslust etwas Leben in die Alte Welt bringen und euch eure besten Schauspielerinnen und Primadonnen wegholen, denke ich mir, wenn es so etwas wie ein Gespenst in Europa gibt, dann haben wir es in kürzester Zeit zu Hause in einem unserer öffentlichen Museen oder als Sehenswürdigkeit einer Wanderschau.«
»Ich fürchte, das Gespenst existiert wirkliche, sagte Lord Canterville lächelnd, »wenn es vielleicht auch nicht auf die Angebote Ihrer tüchtigen Impresarien eingegangen ist. Es ist seit drei Jahrhunderten wohlbekannt, genaugenommen seit 1584, und erscheint stets vor dem Tode eines Mitglieds unserer Familie.«
»Nun, was das betrifft, macht es der Hausarzt genauso, Lord Canterville. Aber es gibt nichts Derartiges wie Gespenster, Sir, und die Naturgesetze werden sich der britischen Aristokratie zuliebe vermutlich nicht aufheben lassen.«
»Sie in Amerika sind gewiss sehr natürlich«, antwortete Lord Canterville, der Mr. Otis' letzte Bemerkung nicht ganz verstand, »und wenn es Ihnen nichts ausmacht, ein Gespenst im Hause zu haben, ist alles in Ordnung. Nur dürfen Sie nicht vergessen, dass ich Sie gewarnt habe.«
Wenige Wochen danach war der Kauf abgeschlossen, und gegen Ende der Saison begab sich der Gesandte mit seiner Familie nach Canterville Chase. Mrs. Otis war als Miss Lucretia R. Tappan, New York West, 53. Straße, eine gefeierte Newyorker Schönheit gewesen und jetzt eine sehr ansehnliche Frau mittleren Alters mit schönen Augen und einem herrlichen Profil. Viele amerikanische Damen geben sich, wenn sie ihr Heimatland verlassen, den Anschein chronischer Unpässlichkeit, weil sie unter dem Eindruck stehen, das gehöre in Europa zur feinen Lebensart; in diesen Irrtum war jedoch Mrs. Otis nie verfallen. Sie besaß eine vortreffliche Konstitution und ein wirklich erstaunliches Maß an Lebensfreude. Unbestritten war sie in vieler Hinsicht durchaus englisch und ein hervorragendes Beispiel für die Tatsache, dass wir heute wahrhaftig alles mit Amerika gemeinsam haben, natürlich mit Ausnahme der Sprache. Ihr ältester Sohn, den die Eltern zu seinem ständigen Kummer in einer Anwandlung von Patriotismus auf den Namen Washington getauft hatten, war ein blonder, recht gut aussehender junger Mann, der sich für die amerikanische Diplomatie befähigt hatte, indem er im Gesellschaftshaus von Newport drei aufeinanderfolgende Sommer lang den Reigen eröffnete und selbst in London als vorzüglicher Tänzer bekannt war. Gardenien und die Pairswürde waren seine einzigen Schwächen. Im übrigen war er ungemein vernünftig. Miss Virginia E. Otis war ein kleines Mädchen von fünfzehn Jahren, biegsam und liebreizend wie ein Rehkälbchen und mit einem schönen Freimut in den großen blauen Augen. Sie war eine bewundernswerte Amazone und hatte eines Tages auf ihrem Pony ein Wettreiten mit dem alten Lord Bilton veranstaltet, das zweimal rund um den Park führte und das sie genau vor der Achillesstatue mit anderthalb Längen gewann - zur ungeheuren Begeisterung des jungen Herzogs von Cheshire, der ihr auf der Stelle einen Heiratsantrag machte und noch am selben Abend, in Tränen schwimmend, von seinen Vormündern nach Eton zurückgeschickt wurde. Nach Virginia kamen die Zwillinge, gewöhnlich >das Sternenbanner< genannt, da sie ständig verbleut wurden und rote Striemen hatten. Sie waren reizende Buben und, abgesehen von dem trefflichen Gesandten, die einzigen wahren Republikaner in der Familie.
Da Canterville Chase sieben Meilen von Ascot, der nächsten Eisenbahnstation, entfernt liegt, hatte Mr. Otis nach einem Break telegraphiert, sie abzuholen, und frohgelaunt traten sie die Fahrt an. Es war ein wunderschöner Juliabend und die Luft erfüllt von dem köstlichen Wohlgeruch der Fichtenwälder. Hin und wieder hörten sie eine Holztaube, die über ihre eigene liebliche Stimme nachsann, oder sahen tief in dem raschelnden Farnkraut die brünierte Brust des Fasans. Kleine Eichhörnchen guckten von den Rotbuchen auf die Vorbeifahrenden, und die Kaninchen flohen, die weiße Blume in die Luft gereckt, durch das Dickicht und über die moosigen Hügel. Doch als der Wagen in die Allee von Canterville Chase einbog, wurde der Himmel plötzlich von Wolken verdunkelt, und eine seltsame Lautlosigkeit schien die Luft stillstehen zu lassen; ein großer Schwarm Krähen glitt unhörbar über die Köpfe hinweg, und ehe sie das Haus erreichten, waren schon ein paar dicke Regentropfen gefallen.
Auf der Freitreppe stand zu ihrem Empfang bereit eine alte Frau, schmuck in schwarze Seide gekleidet, mit weißer Haube und Schürze. Das war Mrs. Umney, die Haushälterin; Mrs. Otis hatte auf Lady Cantervilles anständige Bitte hin eingewilligt, sie in ihrer bisherigen Stellung zu behalten. Sie machte, als sie ausstiegen, vor jedem einen tiefen Knicks und sagte auf eine wunderliche, altmodische Art: »Ich entbiete Ihnen den Willkommensgruß in Canterville Chase.« Sie folgten ihr durch die schöne Tudorhalle in die Bibliothek, einen langen, niedrigen Raum mit einer Täfelung aus dunkler Eiche, an deren Ende sich ein großes Fenster aus buntem Glas befand. Hier fanden sie den Tee serviert, und nachdem sie sich ihrer Hüllen entledigt hatten, setzten sie sich und begannen Umschau zu halten, während Mrs. Umney sie bediente.
Plötzlich gewahrte Mrs. Otis genau neben dem Kamin einen dunkelroten Fleck auf dem Fußboden, und ohne zu ahnen, was er in Wahrheit zu bedeuten hatte, sagte sie zu Mrs. Umney: »Ich fürchte, da ist etwas vergossen worden.«
»Ja, Madam«, erwiderte die alte Haushälterin mit leiser Stimme, »Blut ist an der Stelle vergossen worden.«
»Wie grässliche, rief Mrs. Otis aus, »Blutflecke in einem Wohnraum mag ich ganz und gar nicht! Er muss sofort entfernt werden.«
Die alte Frau lächelte und antwortete mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: »Es ist das Blut Lady Eleanores von Canterville, die 1575 genau an der Stelle von ihrem eigenen Gatten, Sir Simon von Canterville, ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand plötzlich unter höchst rätselhaften Umständen. Sein Leichnam wurde nie entdeckt, aber sein schuldbeladener Geist geht immer noch im Schlosse um. Der Blutfleck wurde von Touristen und anderen sehr bewundert und kann nicht entfernt werden.«
»Das ist lauter Unsinn«, rief Washington Otis, »Pinkertons Qualitäts-Fleckenentferner und -Intensivreiniger wird ihn im Handumdrehen beseitigend, und ehe die entsetzte Haushälterin einschreiten konnte, hatte er sich auf die Knie niedergelassen und rieb den Fußboden mit einem kleinen Stift ab, der wie schwarze Schminke aussah. Wenige Augenblicke später war von dem Blutfleck keine Spur mehr zu sehen.
»Ich wusste, dass Pinkerton es schaffen würde!« rief er triumphierend und sah sich nach seiner staunenden Familie um; doch kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als ein gewaltiger Blitz den düsteren Raum erhellte und ein schrecklicher Donnerschlag alle von ihren Stühlen hob; Mrs. Umney fiel in Ohnmacht.
»Was für ein scheußliches Klima!« bemerkte gelassen der amerikanische Gesandte und zündete sich eine lange Manilazigarre an. »Vermutlich ist das alte England so übervölkert, dass sie nicht genügend anständiges Wetter für alle haben. Ich bin stets der Ansicht gewesen, dass Auswanderung für England das einzig Vernünftige ist.«
»Mein lieber Hiram«, rief Mrs. Otis, »was sollen wir mit einer Frau anfangen, die in Ohnmacht fällt?«
»Rechne es ihr wie zerschlagenes Geschirr an«, erwiderte der Gesandte, »dann wird sie nicht mehr in Ohnmacht fallen«, und tatsächlich kam Mrs. Umney wenige Augenblicke später zu sich. Dennoch stand außer Zweifel, dass sie im höchsten Grade beunruhigt war, und sie warnte Mr. Otis mit ernster Stimme, er möge auf der Hut sein, dass kein Kummer über das Haus käme.
»Ich habe mit eigenen Augen Dinge gesehen, Sir«, sagte sie, »dass sich jedem Christenmenschen die Haare sträuben würden, und viele, viele Nächte habe ich kein Auge zugetan wegen der furchtbaren Dinge, die hier geschehen.«
Mr. Otis und seine Frau versicherten der ehrlichen Seele jedoch energisch, dass sie sich nicht vor Gespenstern fürchteten, und nachdem die alte Haushälterin den Segen der Vorsehung auf ihre neue Herrschaft herabgefleht und eine Lohnerhöhung mit ihr vereinbart hatte, wankte sie davon in ihr eigenes Zimmer.



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#2

RE:Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 21:55
von Susasami • Admin - Das Hausekel ;) | 2.393 Beiträge

Kapitel II
Das Unwetter tobte und wütete die ganze Nacht; aber sonst ereignete sich nichts von besonderer Bedeutung. Doch als sie am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkämen, fanden sie den entsetzlichen Blutfleck abermals auf dem Fußboden. »Ich glaube nicht, dass es an dem Intensivreiniger liegen kann«, sagte Washington, »denn den habe ich an allem möglichen ausprobiert. Es muss das Gespenst sein.« Also beseitigte er den Fleck ein zweites Mal, aber am Morgen darauf war er wieder zum Vorschein gekommen. Auch am dritten Morgen war er da, obgleich Mr. Otis abends eigenhändig die Bibliothek abgeschlossen und den Schlüssel mit hinaufgenommen hatte. Die gesamte Familie war jetzt höchst interessiert; Mr. Otis kam der Verdacht, als sei es allzu starrsinnig von ihm gewesen, die Existenz von Gespenstern zu leugnen; Mrs. Otis gab ihre Absicht kund, dem Spiritistenverein beizutreten, und Washington verfasste einen langen Brief an die Firma Myers und Podmore über die Hartnäckigkeit von Blutflecken in Verbindung mit Verbrechen. In dieser Nacht wurden alle Zweifel an der nachweisbaren Existenz von Geistererscheinungen für immer abgetan.
Der Tag war warm und sonnig gewesen, und in der Abendkühle verließ die ganze Familie das Haus zu einer Spazierfahrt. Erst gegen neun Uhr kamen sie heim und aßen eine leichte Abendmahlzeit. Die Unterhaltung drehte sich keineswegs um Gespenster, deshalb waren nicht einmal jene Grundvoraussetzungen für die aufnahmebereite Erwartung geschaffen, die so häufig der Wahrnehmung übersinnlicher Erscheinungen vorangeht. Die Gesprächtsthemen, so erfuhr ich später von Mr. Otis, waren nur solcherart, wie sie unter gebildeten Amerikanern der höheren Klasse üblich sind: wie ungeheuer Miss Fanny Davenport als Schauspielerin Sarah Bernhardt überlegen sei; die Schwierigkeit, selbst in den besten englischen Häusern junge Maiskolben, Buchweizenfladen und Maisbrei zu bekommen; die Bedeutung Bostons für die Entwicklung der Weltseele; die Vorteile des Gepäckscheinsystems für Reisen mit der Eisenbahn und der angenehme Wohllaut der Newyorker Aussprache im Vergleich zu dem Londoner Silbenkauen. Mit keinem Wort wurde das Übernatürliche erwähnt oder auf Sir Simon von Canterville angespielt. Um elf Uhr zog sich die Familie zurück, und um halb zwölf war überall das Licht aus. Eine Weile später wurde Mr. Otis durch ein merkwürdiges Geräusch auf dem Gang vor seinem Zimmer geweckt. Es klang wie Klirren von Metall und schien mit jedem Augenblick näher zu kommen. Er stand sofort auf, zündete ein Streichholz an und sah nach, wie spät es sei. Es war Punkt ein Uhr. Er war ganz ruhig und fühlte sich den Puls, der durchaus nicht fieberhaft ging. Das sonderbare Geräusch hielt an, und gleichzeitig hörte er deutlich den Laut von Schritten. Er schlüpfte in seine Pantoffeln, nahm aus seinem Reisenecessaire ein längliches Fläschchen und öffnete 'die Tür. Genau vor sich erblickte er im bleichen Mondlicht einen abscheulich aussehenden alten Mann. Seine Augen waren rot wie glühende Kohlen, langes graues Haar fiel ihm in wirren Strähnen über die Schultern, seine Kleidung, von altertümlichem Schnitt, war beschmutzt und zerrissen, und von seinen Handgelenken und Fußknöcheln hingen schwere, rostige Fesseln.
»Verehrter Herr«, sagte Mr. Otis, »ich muss wirklich darauf dringen, dass Sie diese Ketten ölen, und habe Ihnen zu diesem Zweck ein Fläschchen Tammany-Sonnenaufgang-Öl mitgebracht. Es soll bereits bei einmaliger Anwendung volle Wirkung erzielen, und auf der Hülle befinden sich mehrere diesbezügliche Gutachten von einigen Geistlichen, die zu den bedeutendsten unseres Landes gehören. Ich lege es Ihnen hier neben die Leuchter und werde Sie bei Bedarf gern mit weiteren versorgen.« Bei diesen Worten legte der Gesandte der Vereinigten Staaten das Fläschchen auf einen Marmortisch, schloss seine Tür und legte sich wieder ins Bett.
Einen Augenblick stand das Gespenst von Canterville völlig reglos vor aufrichtiger Empörung; dann schmetterte es die Flasche heftig auf den polierten Boden und floh den Gang hinunter, wobei es hohle Seufzer ausstieß und ein geisterhaft grünes Licht verströmte. Doch just als es den obersten Absatz der großen Eichentreppe erreichte, flog eine Tür auf, zwei kleine Gestalten in weißen Nachthemden erschienen, und ein großes Kissen pfiff an seinem Kopf vorbei. Es war offensichtlich keine Zeit zu verlieren, und indem es sich schleunigst der vierten Dimension als Fluchtweg bediente, verschwand es durch die Wandtäfelung, und im Hause wurde es still.
Als das Gespenst ein kleines Geheimgemach im linken Flügel erreicht hatte, lehnte es sich an einen Mondstrahl, um Atem zu holen, und versuchte sich über seine Lage klar zuwerden. Niemals in seiner glänzenden und ununterbrochenen Laufbahn durch drei Jahrhunderte war es so grob beleidigt worden. Es dachte an die Herzoginwitwe, die vor Schreck einen Anfall bekommen hatte, als sie in ihren Spitzen und Diamanten vor dem Spiegel stand; an die vier Hausmädchen, die in hysterische Schreikrämpfe verfallen waren, obwohl es sie doch nur durch die Bettvorhänge eines der Fremdenzimmer angegrinst hatte; an den Pfarrherrn der Gemeinde, dem es die Kerze ausblies, als er eines Abends spät aus der Bibliothek kam, und der seitdem bei Sir William Gull in Dauerbehandlung war, ein wahrer Märtyrer zerrütteter Nerven, und an die alte Madame de Tremouillac, die eines frühen Morgens erwacht war und ein Skelett erblickt hatte, das in einem Lehnstuhl am Kamin saß und ihr Tagebuch las; worauf sie mit Gehirnentzündung sechs Wochen das Bett hüten musste, sich nach ihrer Genesung mit der Kirche aussöhnte und ihre Beziehung zu jenem berüchtigten Skeptiker Monsieur de Voltaire abbrach. Es erinnerte sich an die schreckliche Nacht, als der versuchte Lord Canterville dem Ersticken nahe an dem Karobuben, der ihm halb im Halse steckte, in seinem Ankleidezimmer gefunden wurde und angesichts seines Todes gestand, durch eben diese Karte Charles James Fox im Crockford-Club um fünfzigtausend Pfund geprellt zu haben, und schwur, er sei von dem Gespenst gezwungen worden, die Karte zu verschlingen. All seine großen Heldentaten kamen ihm wieder in den Sinn, angefangen von dem Butler, der sich in der Speisekammer erschoss, weil er eine grüne Hand an die Fensterscheibe hatte pochen sehen, bis zu der schönen Lady Stutfield, die notgedrungen stets ein schwarzes Samtband um den Hals tragen musste, um die Male von fünf Fingern zu verbergen, die in ihre weiße Haut eingebrannt waren, und die sich schließlich in dem Karpfenteich am Ende der Königsallee ertränkte. Mit der schwärmerischen Selbstüberhebung des wahren Künstlers ging das Gespenst seine berühmtesten Darstellungen durch, und mit bitterem Lächeln gedachte es seines letzten Auftretens als >Roter Ruben oder Der erwürgte Säugling<, seines Debuts als >Hagerer Gibeon, der Blutsauger vom Bexley-Moor< und des begeisterten Beifalls, den es an einem lieblichen Juniabend erntete, als es auf einem Tennisplatz bloß mit seinen eigenen Knochen kegelte. Und nach all dem sollten ein paar nichtswürdige moderne Amerikaner daherkommen und ihm Sonnenaufgang-Öl anbieten und ihm Kissen an, den Kopf werfen! Es war einfach unerträglich. Nebenbei gesagt, war nie in der Geschichte ein Gespenst derartig behandelt worden. Folglich beschloss es, sich zu rächen, und blieb bis zum Tagesanbruch in einer Haltung tiefen Sinnens.



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#3

RE:Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 21:57
von Susasami • Admin - Das Hausekel ;) | 2.393 Beiträge

Kapitel III
Als sich die Familie Otis am nächsten Morgen beim Frühstück zusammenfand, wurde recht ausführlich über das Gespenst gesprochen. Der Gesandte der Vereinigten Staaten war natürlich ein wenig verärgert, als er feststellte, dass seine Gabe verschmäht worden war. »Ich hege nicht das Verlangen, dem Gespenst eine persönliche Kränkung zuzufügen«, bemerkte er, »und ich muss sagen, dass ich es in Anbetracht seines langen Aufenthalts im Hause für keineswegs höflich halte, Kissen nach ihm zu werfen« - eine sehr zutreffende Bemerkung, über die jedoch die Zwillinge, wie ich leider zugeben muss, in jubelndes Gelächter ausbrachen. »Andrerseits«, fuhr er fort, »wenn es sich wirklich weigert, das Sonnenaufgang-Öl zu benutzen, werden wir ihm wohl seine Ketten abnehmen müssen. Bei einem solchen Lärm vor den Schlafzimmern dürfte es unmöglich sein, zur Ruhe zu kommen.«
Den Rest der Woche blieben sie jedoch ungestört; das einzige, was ihre Aufmerksamkeit erregte, war die ständige Erneuerung des Blutflecks auf dem Fußboden der Bibliothek. Das war höchst verwunderlich, weil Mr. Otis jeden Abend die Tür abschloss und die Fenster fest verriegelt hielt. Auch gab die chamäleonartige Färbung des Flecks Anlass zu vielen Deutungen. An manchen Morgen war er dunkel (fast indischrot), dann wieder scharlachfarben oder von einem kräftigen Purpur, und einmal, als sie sich zum häuslichen Gebet nach den schlichten Bräuchen der amerikanischen Freien Reformierten Episkopalkirche versammelten, fanden sie ihn in leuchtendem Smaragdgrün. Dieser kaleidoskopartige Wechsel bereitete der Familie natürlich viel Vergnügen, und jeden Abend wurden zwanglos Wetten darüber abgeschlossen. Die einzige, die sich an dem Spaß nicht beteiligte, war die kleine Virginia, die der, Anblick des Blutflecks aus irgendeinem unbekannten Grund stets betrübte und die an jenem Morgen, als er smaragdgrün war, fast geweint hätte.
Das zweitemal erschien das Gespenst in der Sonntagnacht. Kurz nachdem alle zu Bett gegangen waren, wurden sie plötzlich durch einen fürchterlichen Krach in der Halle aufgeschreckt. Sie eilten hinunter und entdeckten, dass eine vollständige alte Rüstung von ihrem Gestell auf den Steinfußboden gefallen war, während das Gespenst von Canterville in einem hochlehnigen Armstuhl saß und sich mit einem Ausdruck heftiger Seelenpein die Knie rieb. Die Zwillinge, die ihre Blasrohre mitgebracht hatten, schossen sogleich zwei Kügelchen auf das Gespenst ab, und zwar mit einer Zielsicherheit, die man nur durch lange und sorgfältige Übung an einem Schreiblehrer erwerben kann, und der Gesandte der Vereinigten Staaten richtete seinen Revolver auf das Gespenst und forderte es nach guter kalifornischer Sitte auf, die Hände hochzuheben! Mit einem wilden Schrei der Wut sprang das Gespenst auf und fegte wie ein Nebel durch ihre Mitte, wobei es im Vorüberstreichen Washington Otis' Kerze auslöschte und sie in völliger Dunkelheit zurückließ. Als es den obersten Treppenabsatz erreicht hatte, fing es sich wieder und beschloss, in sein berühmtes dämonisches Gelächter auszubrechen. Das hatte es bei mehr als einer Gelegenheit als ungemein nützlich erkannt. Es hieß, Lord Rakers Perücke sei deswegen in einer einzigen Nacht ergraut, und ganz gewiss hatte es drei von Lady Cantervilles französischen Gouvernanten veranlasst, fristlos zu kündigen. Also lachte es sein grässlichstes Lachen, bis es von dem alten Deckengewölbe ein übers andere Mal widerhallte; doch kaum war das grausige Echo erstorben, da tat sich eine Tür auf, und Mrs. Otis trat in einem lichtblauen Morgenrock heraus. »Ich fürchte, Ihnen ist nicht recht wohl«, sagte sie, »deshalb bringe ich Ihnen eine Flasche Dr. Dobells Tropfen. Falls Sie an schlechter Verdauung leiden, werden Sie darin ein ganz vorzügliches Heilmittel finden.« Das Gespenst glotzte sie wütend an und machte sogleich Anstalten, sich in einen großen schwarzen Hund zu verwandeln, ein Kunststück, für das es mit Recht berühmt war und dem der Hausarzt die permanente Idiotie des Ehrenwerten Thomas Horton, Lord Cantervilles Onkel, zuschrieb. Das Geräusch näher kommender Schritte machte es jedoch unschlüssig in seinem grausamen Vorhaben; deshalb begnügte es sich damit, schwach zu phosphoreszieren, und verschwand mit einem tiefen Kirchhofsseufzer gerade in dem Augenblick, als die Zwillinge bei ihm angelangt waren.
In seiner Kammer brach es dann völlig zusammen, eine Beute der heftigsten Gemütsbewegung. Das pöbelhafte Benehmen der Zwillinge und der unfeine Materialismus dieser Mrs. Otis waren natürlich im höchsten Grade ärgerlich; am meisten brachte es jedoch wirklich zur Verzweiflung, dass es nicht imstande gewesen war, die Rüstung zu tragen. Es hatte gehofft, sogar moderne Amerikaner würden beim Anblick eines >Geistes im Harnisch< schaudern, wenn schon aus keinem vernünftigeren Grund, so doch wenigstens aus Achtung vor ihrem Nationaldichter Longfellow, über dessen anmutiger und reizvoller Poesie es selbst manch leidige Stunde verbracht hatte, wenn die Cantervilles in London waren. Noch dazu war es seine eigene Rüstung! Es hatte sie mit großem Erfolg bei dem Turnier von Kenilworth getragen und war deswegen von niemand Geringerem als der jungfräulichen Königin mit schmeichelhaften Komplimenten bedacht worden. Als es sie jedoch vorhin hatte anlegen wollen, war es von dem Gewicht des mächtigen Brustharnischs und der stählernen Sturmhaube völlig niedergedrückt worden und schwer auf den Steinboden gestürzt, wobei es sich heftig die Knie aufgeschlagen und die Knöchel zerschunden hatte.
Noch mehrere Tage danach fühlte sich das Gespenst schwerkrank und rührte sich kaum aus seinem Gemach, außer um den Blutfleck in geziemendem Zustand zu erhalten. Da es sich jedoch sehr in acht nahm, erholte es sich wieder und beschloss, ein drittes Mal zu versuchen, ob es dem Gesandten der Vereinigten Staaten und seiner Familie nicht einen Schreck einjagen könne. Es wählte für sein Erscheinen Freitag, den 17. August, und verbrachte den größten Teil dieses Tages damit, seine Garderobe zu prüfen, bis es sich schließlich für einen gewaltigen Schlapphut mit roter Feder, ein Leichenhemd mit Falbeln an Hals und Handgelenken und einen rostigen Dolch entschied. Gegen Abend ging ein heftiger Platzregen nieder, und der Wind blies so stark, dass alle Fenster und Türen in dem alten Haus rüttelten und klapperten. Das war allerdings genau das Wetter, das es liebte. Sein Gefechtsplan war folgender: Es wollte lautlos in Washington Otis' Zimmer schleichen, ihm vom Fußende des Bettes kauderwelsches Zeug zuschnattern und sich zum Klang einer getragenen Musik dreimal den Dolch in die Kehle stoßen. Gegen Washington hegte es besonderen Groll, da ihm völlig klar war, dass dieser den berühmten Blutfleck von Canterville durch Pinktertons Intensivreiniger zu entfernen pflegte. Wenn es den rücksichtslosen und dummdreisten Jüngling in einen Zustand elendiglichen Grausens versetzt hatte, wollte es weitergehen zu dem Zimmer, das der Gesandte der Vereinigten Staaten und seine Frau innehatten, und dort eine feuchtkalte Hand auf Mrs. Otis' Stirn legen, während es ihrem zitternden Gatten die grässlichsten Geheimnisse des Beinhauses ins Ohr zischte. Hinsichtlich der kleinen Virginia war es noch zu keinem Entschluss gekommen. Es war von ihr nie auf irgendeine Weise beleidigt worden, und sie war hübsch und freundlich. Ein paar hohle Seufzer aus dem Kleiderschrank hielt es für mehr als ausreichend, und wenn sie das nicht weckte, könnte es vielleicht mit krampfhaft zuckenden Fingern an ihrer Bettdecke krabbeln. Was die Zwillinge betraf, so war es fest entschlossen, ihnen eine Lehre zu erteilen. Zunächst musste es sich ihnen natürlich auf die Brust setzen, um das erstickende Gefühl eines Alpdrucks hervorzurufen. Dann wollte es sich, da ihre Betten dicht nebeneinander standen, in der Gestalt eines grünen, eiskalten Leichnams zwischen ihnen aufpflanzen, bis sie vor Furcht gelähmt waren, und schließlich das Sterbehemd abwerfen und mit weißgebleichten Knochen und einem rollenden Augapfel als >Stummer Daniel oder Das Skelett des Selbstmörders< im Zimmer herumkriechen, eine Rolle, in der es bei mehr als einer Gelegenheit eine große Wirkung erzielt hatte und die seiner Meinung nach jener berühmten als >Martin der Wahnsinnige oder Das maskierte Geheimnis< völlig gleichkam.
Um halb elf hörte es die Familie zu Bett gehen. Eine Zeitlang wurde es noch durch das ungestüme Gelächter der Zwillinge gestört, die sich mit der sorglosen Heiterkeit von Schulbuben augenscheinlich noch vergnügten, ehe sie sich zur Ruhe legten; aber um Viertel zwölf war alles still, und als es Mitternacht tönte, machte sich das Gespenst auf den Weg. Die Eule schlug an die Fensterscheiben, der Rabe krächzte aus der alten Eibe, und der Wind fuhr klagend wie eine verlorene Seele um das Haus; doch die Familie Otis schlief und ahnte nichts von ihrem Schicksal, und lauter als Regen und Sturm konnte das Gespenst das regelmäßige Schnarchen des Gesandten der Vereinigten Staaten vernehmen. Verstohlen trat es aus der Wandtäfelung, ein böses Lächeln um den grausamen, verrunzelten Mund, und der Mond verbarg sein Gesicht in einer Wolke, als es sich an dem großen Erker vorbeischlich, wo sein Wappen und das seines ermordeten Weibes in Azur und Gold gemalt waren. Weiter und weiter glitt es wie ein verruchter Schatten, selbst die Dunkelheit schien vor ihm zurückzubeben. Einmal glaubte es rufen zu hören und blieb stehen, aber es war nur das Gebell eines Hundes vom Roten Pachtgut, und es ging weiter, wobei es seltsame Flüche aus dem sechzehnten Jahrhundert brabbelte und hin und wieder mit dem rostigen Dolch durch die mitternächtliche Luft fuchtelte. Endlich erreichte es die Ecke des Korridors, der zu dem Zimmer des unseligen Washington führte. Hier hielt es einen Augenblick inne, während ihm der Wind die langen grauen Locken um den Kopf wehte und den unsäglichen Greuel des Totenhemds zu grotesken und phantastischen Falten wand. Dann schlug die Uhr ein Viertel, und es fühlte, dass seine Zeit gekommen war. Es kicherte vor sich hin und ging um die Ecke; doch kaum hatte es das getan, da fuhr es mit einem jammervollen Klagelaut zurück und verbarg das gebleichte Gesicht in den langen Knochenhänden. Genau vor ihm stand ein grässliches Gespenst, reglos wie eine gemeißelte Bildsäule und missgestalt wie der Traum eines Wahnsinnigen! Sein Kopf war kahl und blank poliert, sein Gesicht rund und feist und weiß, und ein abscheuliches Lachen schien seine Züge zu ewigem Grinsen verzerrt zu haben. Aus den Augen schossen Strahlen scharlachroten Lichts, der Mund war ein weit offenes Feuerloch, und ein widerwärtiges Gewand, seinem eigenen gleich, umhüllte mit seinen lautlosen Schneemassen die Titanengestalt. Auf der Brust trug es ein Plakat mit sonderbarer Schrift in altertümlichen Lettern, ein Verzeichnis der Schande, wie es schien, ein Bericht über schauervolle Sünden, eine furchtbare Liste von Verbrechen, und in der Rechten hielt es hocherhoben ein Schwert von schimmerndem Stahl.
Da das Gespenst nie zuvor ein Gespenst gesehen hatte, bekam es natürlich einen fürchterlichen Schreck, und nachdem es einen zweiten, hastigen Blick auf die grausige Erscheinung geworfen hatte, floh es zurück in sein Zimmer, wobei es, als es den Gang hinuntereilte, ständig über sein langes Leichenhemd stolperte und schließlich den rostigen Dolch in die Stiefel des Gesandten fallen ließ, wo er morgens von dem Butler gefunden wurde. Endlich wieder in der Abgeschiedenheit seines Gemachs, warf es sich auf ein schmales Feldbett und verbarg das Gesicht unter den Decken. Doch eine Weile später siegte der wackere alte Cantervillegeist, und das Gespenst beschloss, sobald der Tag anbrach, hinzugeben und mit dem anderen Gespenst zu reden. Folglich kehrte es, als eben der Dämmerschein die Hügel mit Silber überhauchte, zu der Stelle zurück, wo sein Blick auf das greuliche Phantom gefallen war, weil es trotz allem das Gefühl hatte, zwei Gespenster wären besser als eines, und mit Hilfe seines neuen Freundes werde es unbeschadet mit den Zwillingen fertig werden. Doch als es die Stelle erreichte, bot sich ihm ein entsetzlicher Anblick. Offensichtlich war dem Gespenst etwas zugestoßen, denn aus seinen hohlen Augen war das Licht geschwunden, das schimmernde Schwert war ihm aus der Hand gefallen, und es lehnte in einer gezwungenen und unbequemen Haltung an der Wand. Das Gespenst von Canterville stürzte vor und umschlang das andere, worauf zu seinem Entsetzen der Kopf abfiel und zu Boden rollte, der Rumpf einsackte, und das Gespenst von Canterville entdeckte, dass es einen Bettvorhang aus weißem Baumwollstoff im Arm hielt und zu seinen Füßen ein Besen, ein Hackmesser und eine ausgehöhlte Rübe lagen! Unfähig, diese merkwürdige Verwandlung zu begreifen, riss es in fieberhafter Hast das Plakat an sich und las darauf im grauen Morgenlicht die furchtbaren Worte:

Wir, das Gespenst der Otis,
Wir, der einzig echte Originalspuk.
Vor Nachahmungen wird gewarnt,
Alle anderen sind gefälscht

Blitzartig wurde ihm die ganze Sache klar. Es war hinters Licht geführt, geprellt und übertölpelt worden! Der alte Canterville-Blick kam in seine Augen, es knirschte mit den zahnlosen Gaumen, und während es seine verdorrten Hände hoch über den Kopf hob, schwur es in der bildhaften Ausdrucksweise der alten Schule, wenn Chanticleer zum zweitenmal in sein munteres Horn gestoßen habe, würden blutige Taten geschehen, und auf leisen Sohlen werde der Mord umgehen.
Kaum hatte es diesen grässlichen Schwur beendet, da krähte auch schon ein Hahn von dem roten Ziegeldach eines entfernten Gehöfts. Das Gespenst lachte ein langes und tiefes bitteres Lachen und wartete. Stunde um Stunde wartete es, aber aus irgendeinem merkwürdigen Grunde krähte der Hahn kein zweites Mal. Schließlich, um halb acht, sah es sich durch das Nahen der Hausmädchen veranlasst, seine grausige Wache aufzugeben, und schlich in sein Gemach zurück, wobei seine Gedanken um die trügerische Hoffnung und das vereitelte Vorhaben kreisten. Es zog mehrere Bücher über das alte Rittertum zu Rate, die es über alles liebte, und stellte fest, dass noch bei jeder Gelegenheit, da sein Schwur getan worden war, Chanticleer ein zweites Mal gekräht hatte. »Verderben komme über den nichtsnutzigen Vogel«, murmelte es, »ich habe den Tag erlebt, da ich ihm meinen wackeren Speer durch die Kehle gerannt hätte, auf dass er für mich krähte, sei's auch im Tode!« Darauf legte es sich in einem komfortablen Bleisarg zur Ruhe und blieb dort bis zum Abend.



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RE:Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 21:58
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Kapitel IV
Am folgenden Tag war das Gespenst sehr schwach und müde. Die schrecklichen Aufregungen der letzten vier Wochen begannen ihre Wirkung zu zeigen. Seine Nerven waren völlig zerrüttet, und bei dem leisesten Geräusch fuhr es vor Schreck zusammen. Fünf Tage blieb es in seinem Gemach und entschloss sich am Ende, die Sache mit dem Blutfleck auf dem Fußboden der Bibliothek aufzugeben. Wenn die Familie Otis ihn nicht wünschte, verdiente sie ihn einfach nicht. Offenbar waren sie Leute einer niederen, materiellen Lebenssphäre und völlig außerstande, den Symbolwert sensualistischer Phänomene zu würdigen. Die Frage der Geistererscheinungen und das Entstehen von Astralleibern war natürlich eine ganz andere Sache und lag wahrhaftig nicht in seiner Macht. Es war seine feierliche Pflicht, einmal wöchentlich im Korridor zu erscheinen und am ersten und dritten Mittwoch jeden Monats aus dem großen Erker hervor Kauderwelsch zu brabbeln, und es sah keine Möglichkeit, wie es sich diesen Verbindlichkeiten auf ehrenvolle Weise entziehen könnte. Gewiss hatte es ein sehr arges Leben geführt, doch andrerseits war es in allen Dingen, die mit dem Übernatürlichen zusammenhingen, ungemein gewissenhaft. Folglich ging es an den nächsten drei Sonnabenden wie üblich zwischen Mitternacht und drei Uhr früh durch den Korridor, wobei es jede nur erdenkliche Vorsicht walten ließ, weder gehört noch gesehen zu werden. Es zog sich die Stiefel aus, trat so leicht wie nur möglich auf die alten, wurmzerfressenen Dielen, trug einen weiten schwarzen Samtmantel und ließ es sich angelegen sein, mit dem Sonnenaufgang-Öl seine Ketten zu schmieren. Ich muss allerdings zugeben, dass es sich nur mit großem Widerstreben dazu verstand, die letztgenannte Schutzmaßnahme zu ergreifen. Dennoch schlich es eines Abends, als die Familie beim Essen saß, in Mr. Otis' Schlafzimmer und holte sich die Flasche. Zunächst fühlte es sich etwas gedemütigt, doch später war es vernünftig genug, einzusehen, dass sich viel zugunsten der Erfindung sagen ließ, und bis zu einem gewissen Grade kam sie seiner Absicht entgegen. Doch ungeachtet all dessen blieb es nicht unbehelligt. Ständig waren quer durch den Gang Bindfäden gespannt, über die es im Dunkeln stolperte, und einmal, als es für die Rolle des >Schwarzen Isaak oder Der Jäger vom Hogleywald< gekleidet war, erlitt es einen schweren Sturz, weil es auf eine Butterrutschbahn getreten war, die die Zwillinge von der Tür des Gobelinzimmers bis zum obersten Absatz der Eichentreppe angelegt hatten. Diese letzte Kränkung brachte es dermaßen in Wut, dass es sich zu einem letzten Versuch entschloss, seine Würde und seine gesellschaftliche Stellung zu behaupten und die unverschämten jungen Etonschüler nachts darauf in seiner berühmten Rolle als >Rupert der Rücksichtslose oder Der Graf ohne Kopf< heimzusuchen. In dieser Verkleidung war es mehr als siebzig Jahre nicht mehr aufgetreten, tatsächlich nicht, seit es die reizende Lady Barbara Modish dadurch so sehr erschreckt hatte, dass sie plötzlich ihre Verlobung mit dem Großvater des jetzigen Lords Canterville löste, mit dem hübschen Jack Castleton nach Gretna Green durchbrannte und erklärte, nichts auf der Welt werde sie dazu bewegen, in eine Familie einzuheiraten, die einem so grässlichen Gespenst erlaube, in der Morgendämmerung auf der Terrasse hin und her zu spazieren. Der arme Jack wurde später in einem Duell auf dem Gemeindeanger des Vororts Wandsworth von Lord Canterville erschossen, und Lady Barbara starb, ehe das Jahr um war, in Turnbridge Wells an gebrochenem Herzen, so dass es in jeder Hinsicht ein großer Erfolg gewesen war. Allerdings war es ein überaus mühevolles >Make-up<, wenn ich einen Theaterausdruck in Verbindung mit einem der größten Geheimnisse der übernatürlichen oder, um mich wissenschaftlicher auszudrücken, der supernaturalistischen Welt anwenden darf, und es nahm drei volle Stunden in Anspruch, die Vorbereitungen zu treffen. Endlich war alles fertig, und das Gespenst war überaus angetan von seinem Äußeren. Die mächtigen ledernen Reitstiefel, die zu dem Kostüm gehörten, waren ihm ein wenig zu groß, und es konnte nur eine der beiden Sattelpistolen finden, aber alles in allem war es durchaus zufrieden, und um Viertel zwei glitt es aus der Wandtäfelung und schlich den Gang entlang. Als es das Zimmer der Zwillinge erreichte, das, wie ich erwähnen sollte, nach der Farbe seiner Tapeten das >blaue Schlafzimmer< hieß, fand es die Tür nur angelehnt. Da es sich einen wirkungsvollen Auftritt zu verschaffen wünschte, stieß es die Tür weit auf, und herab fiel ein schwerer Krug Wasser, durchnässte es bis auf die Haut und sauste um ein Haar an seiner linken Schulter vorbei. Im selben Augenblick vernahm es unterdrücktes Gelächter aus dem Zwillingsbett. Das war ein so schwerer Schock für sein Nervensystem, dass es so schnell wie nur möglich in sein Gemach flüchtete und den nächsten Tag mit einer heftigen Erkältung darniederlag. Der einzig tröstliche Umstand bei der ganzen Sache war, dass es seinen Kopf nicht mitgenommen hatte, denn in dem Fall hätte es sehr ernste Folgen für ihn haben können.
Es gab nun alle Hoffnung auf, dieser ungesitteten amerikanischen Familie jemals einen Schreck einjagen zu können, und begnügte sich in der Regel damit, in Filzpantoffeln die Gänge entlang zu schleichen, einen dicken roten Schal um den Hals, aus Angst vor Zugluft, und mit einer kleinen Arkebuse, für den Fall, dass es von den Zwillingen angegriffen würde. Den entscheidenden Schlag erhielt es am 19. September. Es war in die große Eingangshalle hinuntergegangen, weil es sich dort zumindest vor Belästigungen sicher fühlte, und vertrieb sich die Zeit mit bissigen Bemerkungen über die gewaltigen Saroni Photographien des Gesandten der Vereinigten Staaten und seiner Gattin, die jetzt die Stelle der Familiengemälde derer von Canterville eingenommen hatten. Es war schlicht, aber gefällig in ein langes, mit Friedhofserde getüpfeltes Sterbehemd gekleidet, hatte sich die Kinnlade mit einem gelben Leinenstreifen hochgebunden und trug eine kleine Laterne und einen Totengräberspaten. In der Tat war es für die Rolle als >Jonas der Unbegrabene oder Der Leichenräuber von Chertsey Barn< angezogen, eine seiner bemerkenswertesten Darstellungen, und zudem eine, die den Cantervilles allen Anlass gab, sich daran zu erinnern, da sie den wahren Ursprung ihres Zwistes mit Lord Rufford, ihrem Nachbarn, bildete. Es war etwa Viertel drei Uhr früh, und soweit das Gespenst feststellen konnte, rührte sich niemand. Doch als es in die Bibliothek schlurfte, um nachzusehen, ob noch irgendeine Spur von dem Blutfleck zurückgeblieben war, sprangen plötzlich aus einem dunklen Winkel zwei Gestalten hervor, die wild mit den Armen über den Köpfen herumfuchtelten und ihm »Buh!«, ins Ohr brüllten.
Von Panik ergriffen, was unter den gegebenen Umständen nur allzu natürlich war, sauste es der Treppe zu, wo es jedoch Washington Otis mit der großen Gartenspritze auf seinem Posten fand, und da sich das Gespenst nun überall von seinen Feinden eingeschlossen und fast gestellt sah, verschwand es in dem großen eisernen Ofen, der zum Glück nicht geheizt war, und musste durch Feuerkanäle und Rauchfänge den Rückweg zu seinem Gemach nehmen, wo es in einem entsetzlichen Zustand von Schmutz, Zerrüttung und Trostlosigkeit anlangte.
Danach wurde es nicht wieder bei einem nächtlichen Unternehmen gesehen. Die Zwillinge lauerten ihm mehrmals auf und streuten zum großen Verdruss ihrer Eltern und der Dienstboten jeden Abend Nussschalen in die Gänge, doch ohne Erfolg. Ganz offensichtlich waren seine Gefühle so verletzt, das es nicht mehr erscheinen wollte. Also machte sich Mr. Otis wieder an sein großes Werk über die Geschichte der Demokratischen Partei, mit dem er sich bereits etliche Jahre beschäftigte; Mrs. Otis organisierte ein wunderhübsches Fest, das amerikanische >Muschelbacken<, das die ganze Grafschaft in Staunen versetzte; die Buben vertrieben sich die Zeit mit Lacrosse, Euchre, Poker und anderen amerikanischen Nationalspielen, und Virginia ritt auf ihrem Pony durch die Gegend, begleitet von dem jungen Herzog von Cheshire, der die letzte Woche seiner Ferien in Canterville Chase verbrachte. Es wurde allgemein angenommen, das Gespenst habe das Haus verlassen, und Mr. Otis schrieb tatsächlich einen entsprechenden Brief an Lord Canterville, der in seinem Antwortschreiben seiner großen Freude über die Nachricht Ausdruck verlieh und der hochgeschätzten Gattin des Gesandten seine besten Glückwünsche übermittelte.
Gleichwohl irrte sich die Familie Otis, denn das Gespenst weilte noch im Hause, und wenn jetzt auch nahezu ein Invalide, war es doch keineswegs gewillt, die Dinge ruhen zu lassen, noch dazu, als es vernahm, dass sich unter den Gästen der junge Herzog von Cheshire befand, dessen Großonkel, Lord Francis Stilton, einst mit Oberst Carbury um hundert Guineen gewettet habe, er werde mit dem Gespenst von Canterville würfeln, und der am nächsten Morgen in einem so hilflosen, gelähmten Zustand auf dem Boden des Spielzimmers gefunden wurde, dass er, obgleich er ein hohes Alter erreichte, nie mehr imstande war, etwas anderes zu sagen als >Zweimal Sechs<. Die Geschichte war zu jener Zeit überall bekannt geworden, obgleich natürlich mit Rücksicht auf die Gefühle der beiden vornehmen Familien alles versucht wurde, sie zu vertuschen, und einen ausführlichen Bericht über alle damit verbundenen Umstände findet man im dritten Band von Lord Tattles >Erinnerungen an den Prinzregenten und seine Freunde<. Dem Gespenst lag natürlich viel daran, zu beweisen, dass es seine Macht über die Stiltons nicht eingebüßt hatte, mit denen es freilich entfernt verwandt war, da seine Cousine ersten Grades in zweiter Ehe mit dem Sieur de Bulkeley verheiratet gewesen war, von dem, wie jeder weiß, die Herzöge von Cheshire in gerader Linie abstammen. Folglich traf es Vorbereitungen, Virginias kleinem Verehrer in seiner berühmten Rolle als >Der Vampirmönch oder Der blutlose Benediktiner< zu erscheinen, eine so grauenvolle Darstellung, dass die alte Lady Startup bei ihrem Anblick in jener verhängnisvollen Silvesternacht des Jahres 1764 in ein ohrenbetäubendes geltendes Geschrei ausbrach, das in einem heftigen Schlaganfall gipfelte, und drei Tage später starb, nachdem sie die Cantervilles, ihre nächsten Verwandten, enterbt und ihr gesamtes Geld ihrem Londoner Apotheker vermacht hatte.
Im letzten Augenblick hielt jedoch das Entsetzen vor den Zwillingen das Gespenst davon ab, den Raum zu verlassen, und der kleine Herzog schlief friedlich unter dem mächtigen, mit Federbüschen besteckten Betthimmel des königlichen Schlafgemachs und träumte von Virginia.



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#5

RE:Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 22:03
von Susasami • Admin - Das Hausekel ;) | 2.393 Beiträge

Kapitel V
Ein paar Tage später ritten Virginia und ihr Kavalier mit dem Lockenhaar über die Brockleywiesen, wo sich Virginia bei dem Versuch, eine Hecke zu nehmen, so arg ihr Reitkleid zerriss, dass sie sich, daheim angelangt, dafür entschied, über die Hintertreppe hinaufzugehen, damit sie nicht gesehen werde. Als sie an dem Gobelinzimmer vorbeilief, dessen Tür zufällig offen stand, glaubte sie darin jemanden wahrzunehmen, und da sie meinte, es sei die Zofe ihrer Mutter, die sich zuweilen mit ihrer Arbeit dort niederließ, schaute sie hinein und wollte sie bitten, ihr Reitkleid auszubessern. Doch zu ihrer ungeheuren Überraschung war es das Gespenst von Canterville! Es saß am Fenster und beobachtete, wie das zerstörte Gold der gelb gewordenen Bäume durch die Luft flog und die roten Blätter übermütig durch die lange Allee tanzten. Sein Kopf ruhte in der Hand, und seine ganze Haltung drückte tiefe Niedergeschlagenheit aus. Es sah wahrhaftig so verloren und hinfällig aus, dass die kleine Virginia, deren erster Gedanke gewesen war, fortzulaufen und sich in ihrem Zimmer einzuschließen, von Mitleid erfüllt wurde und es zu trösten beschloss. So leicht war ihr Schritt und so tief seine Schwermut, dass es ihrer nicht gewahr wurde, bis sie zu ihm sprach.
»Sie tun mir so leid«, sagte sie, »aber meine Brüder fahren morgen wieder nach Eton, und dann wird Sie keiner mehr ärgern, wenn Sie sich gesittet benehmen.«
»Es ist absurd, von mir zu fordern, ich solle mich gesittet benehmen«, antwortete das Gespenst, während es sich erstaunt nach dem hübschen Mädchen umsah, das gewagt hatte, es anzureden, »völlig absurd. Ich muss mit meinen Ketten rasseln und durch Schlüssellöcher seufzen und des Nachts umherwandern, wenn Sie das meinen. Das ist meine einzige Daseinsberechtigung.«
»Das ist überhaupt keine Daseinsberechtigung, und Sie wissen, dass Sie sehr böse gewesen sind. Mistress Umney hat uns am Tag unserer Ankunft erzählt, dass Sie Ihre Frau umgebracht haben.«
»Nun ja, das gebe ich zu«, erwiderte das Gespenst verdrossen, »aber das war eine reine Familienangelegenheit und ging niemanden sonst etwas an.«
»Es ist sehr unrecht, jemanden umzubringen«, sagte Virginia, die mitunter einen hinreißenden puritanischen Ernst an sich hatte, der das Erbteil irgendeines Neuengland-Ahnen war.
»Oh, ich hasse die wohlfeile Strenge abstrakter Moral! Mein Weib war sehr unansehnlich, stärkte mir nie die Halskrausen, wie es sich gehört, und hatte vom Kochen keine Ahnung. Im Hogleywald hatte ich mal einen Rehbock geschossen, einen kapitalen Spießer, und wissen Sie, wie sie den auf den Tisch brachte? Wie dem auch sei, das ist jetzt gleichgültig, denn das ist alles vorbei, und ich finde es nicht sehr nett von Ihren Brüdern, mich darben zu lassen, wenn ich auch dreist meine Frau umgebracht habe.«
»Sie darben zu lassen? Oh, Mister Gespenst, ich meine, Mister Simon, sind Sie hungrig? Ich habe ein Butterbrot in der Tasche. Möchten Sie es haben?«
»Nein, danke, ich esse jetzt nie etwas; aber es ist trotzdem sehr freundlich von Ihnen, und Sie sind viel netter als alle andern Ihrer grässlichen, rüden, vulgären und unredlichen Familie.«
»Halt!« rief Virginia und stampfte mit dem Fuß auf »Sie sind es, der grässlich und rüde und vulgär ist, und was die Unredlichkeit betrifft, so wissen Sie genau, dass Sie mir die Farben aus meinem Malkasten gestohlen haben, um den lächerlichen Blutfleck in der Bibliothek zu erneuern. Zuerst haben Sie mir alles Rot, sogar Zinnober, genommen, und ich konnte keine Sonnenuntergänge mehr malen; dann nahmen Sie Smaragdgrün und Chromgelb, und schließlich hatte ich nur noch Indigo und Weiß und konnte nur noch Mondscheinlandschaften malen, die immer so deprimierend anzuschauen und durchaus nicht leicht zu malen sind. Ich habe Sie niemals verraten, obwohl ich sehr ärgerlich war und die ganze Sache im höchsten Grade lächerlich, denn wer hat je von smaragdgrünem Blut gehört?«
»Nun freilich«, bemerkte das Gespenst etwas verlegen, »aber was sollte ich tun? Es ist heutzutage sehr schwer, echtes Blut zu bekommen, und da Ihr Bruder die ganze Sache mit seinem Intensivreiniger angefangen hatte, sah ich wirklich keinen Grund, warum ich nicht Ihre Malfarben nehmen sollte. Denn Farbe ist stets eine Geschmackssache; die Cantervilles haben zum Beispiel blaues Blut, das blaueste von ganz England, aber ich weiß, dass ihr Amerikaner euch um solche Dinge nicht schert.«
»Davon wissen Sie überhaupt nichts, und am besten wäre es, Sie wanderten aus und lernten etwas dazu. Mein Vater wird nur allzu glücklich sein, Ihnen die Überfahrt zu bezahlen, und obgleich auf jederlei Geistigem ein hoher Zoll liegt, wird es keine Schwierigkeiten geben, da die Zollbeamten alle Demokraten sind. Und sind Sie erst einmal in New York, ist Ihnen bestimmt ein großer Erfolg gewiss. Ich kenne eine Menge Leute, die hunderttausend Dollar hergeben würden, um einen Großvater zu besitzen, und noch viel mehr für ein Familiengespenst.« »Ich glaube, mir würde Amerika nicht gefallene »Vermutlich weil wir keine Trümmer und keine Sehenswürdigkeiten haben«, bemerkte Virginia spöttisch.
»Keine Trümmer? Keine Sehenswürdigkeiten?« entgegnete das Gespenst. »Sie haben doch Ihre Flotte und Ihre Umgangsformen.«
»Guten Abend, ich werde Papa bitten, dass er den Zwillingen noch eine zusätzliche Woche Ferien verschafft.«
»Bitte gehen Sie nicht, Miss Virginia«, rief das Gespenst, »ich bin so einsam und so unglücklich, und ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Ich möchte schlafen und kann es nicht.«
»Das ist völliger Unsinn! Sie brauchen nur ins Bett zu gehen und die Kerze auszupusten. Es ist manchmal sehr schwer, wach zu bleiben, vor allem in der Kirche, aber Schlafen ist doch überhaupt nicht schwierig. Sogar Babys können das, und die sind ja nicht sehr gescheit.«
»Ich habe seit dreihundert Jahren nicht mehr geschlafen, erwiderte das Gespenst traurig, und Virginias schöne blaue Augen weiteten sich vor Staunen, »seit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen, und ich bin so müde.«
Virginia wurde ganz ernst, und ihre kleinen Lippen zitterten wie Rosenblätter. Sie trat zu ihm, kniete neben ihm nieder und blickte empor in sein altes, welkes Gesicht.
»Armes, armes Gespenst«, murmelte sie, »haben Sie kein Fleckchen, wo Sie schlafen können?«
»Weit hinter den Fichtenwäldern«, antwortete es mit leiser, träumerischer Stimme, »liegt ein kleiner Garten. Dort wächst das Gras lang und dicht, dort leuchten die großen weißen Sterne des Schierlings, dort singt die Nachtigall die ganze Nacht. Die ganze Nacht singt sie, und der kalte, kristallene Mond schaut hernieder, und die Eibe breitet ihre riesigen Arme über die Schläfer.«
Virginias Augen trübten sich von Tränen, und sie barg ihr Gesicht in den Händen.
»Sie meinen den Garten des Todes«, flüsterte sie.
»Ja, des Todes. Tod muss so schön sein. In der weichen braunen Erde liegen, während über unserm Kopf das Gras wogt, und der Stille lauschen. Kein Gestern haben und kein Morgen. Die Zeit vergessen, dem Leben verzeihen, in Frieden sein. Sie können mir helfen. Sie können mir die Pforten zum Haus des Todes öffnen, denn an Ihrer Seite ist stets die Liebe, und die Liebe ist stärker als der Tod.«
Virginia zitterte, ein kalter Schauer durchrann sie, und eine kleine Weile herrschte Schweigen.
Dann sprach das Gespenst wieder, und seine Stimme klang wie das Seufzen des Windes.
»Haben Sie je die alte Prophezeiung am Fenster der Bibliothek gelesen?«
»Oh, oft«, rief das kleine Mädchen und schaute hoch, »ich kenne sie sehr gut. Sie ist in merkwürdigen schwarzen Buchstaben gemalt und schwer zu lesen. Sie hat nur sechs Zeilen:

Entringt ein Mägdlein voll Unschuld und Treu
Sünderlippen Gebete der Reu,
Steht der dürre Mandelbaum in Blüte,
Vergießet ein Kindlein Tränen der Güte,
Dann wird es im ganzen Hause still,
Und Friede zieht ein in Canterville.

Aber ich weiß nicht, was das bedeutete
»Es bedeutete, sagte es traurig, »dass Sie um meiner Sünden willen für mich weinen müssen, weil ich keine Tränen habe, und mit mir für meine Seele beten müssen, weil ich keinen Glauben habe, und wenn Sie immerdar lieb und gut und freundlich gewesen sind, dann wird der Engel des Todes Erbarmen mit mir haben. Sie werden im Dunkel schreckliche Gestalten erblicken, und böse Stimmen werden Ihnen ins Ohr raunen, aber sie werden Ihnen nichts zuleide tun, denn gegen die Reinheit eines Kindleins können sich die Mächte der Hölle nicht behaupten.«
Virginia gab keine Antwort, und das Gespenst rang die Hände in wilder Verzweiflung, während es auf ihren geneigten goldblonden Kopf nieder sah. Plötzlich stand sie auf, sehr blass und mit einem ungewöhnlichen Leuchten in den Augen. »Ich fürchte mich nicht«, sagte sie entschlossen, »und ich werde den Engel bitten, sich Ihrer zu erbarmen.«
Mit einem schwachen Freudenschrei erhob es sich von seinem Sitz, beugte sich mit altmodischer Grazie über ihre Hand und küsste sie. Seine Finger waren kalt wie Eis, und seine Lippen brannten wie Feuer, aber Virginia wankte nicht, als das Gespenst sie durch den dämmrigen Raum führte. Auf die verschossene grüne Wandbekleidung waren kleine Jäger gestickt. Sie bliesen auf ihren mit Quasten geschmückten Hörnern und winkten ihr mit ihren winzigen Händchen, umzukehren. »Kehr um, kleine Virginia!« riefen sie. »Kehr um!« Doch das Gespenst umklammerte ihre Hand noch fester, und sie verschloss die Augen gegen die kleinen Jäger. Grässliche Tiere mit Eidechsenschwänzen und Glotzaugen blinzelten sie von dem gemeißelten Kaminsims an und wisperten: »Hüte dich, kleine Virginia! Hüte dich! Vielleicht werden wir dich nie wiedersehend, aber das Gespenst glitt rascher dahin, und Virginia hörte nicht zu. Am Ende des Raumes blieb er stehen und murmelte einige Worte, die sie nicht verstehen konnte. Sie öffnete die Augen und sah die Wand langsam wie einen Nebeldunst schwinden und vor sich eine weite schwarze Höhle. Ein bitterkalter Wind fegte um sie, und sie spürte etwas an ihrem Kleid zerren. »Schnell, schnell«, rief das Gespenst, »sonst ist es zu spät.« Und im Nu hatte sich die Wandtäfelung hinter ihnen geschlossen, und das Gobelinzimmer war leer.



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#6

RE:Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 22:04
von Susasami • Admin - Das Hausekel ;) | 2.393 Beiträge

Kapitel VI
Etwa zehn Minuten später läutete es zum Tee, und als Virginia nicht herunterkam, schickte Mrs. Otis einen Diener nach oben, sie zu rufen. Nach einer kleinen Weile kehrte er zurück und sagte, er könne Miss Virginia nirgends finden. Da sie die Gewohnheit hatte, jeden Abend in den Garten zu gehen und Blumen für die Tafel zu holen, beunruhigte sich Mrs. Otis zunächst gar nicht; doch als es sechs Uhr schlug und Virginia nicht auftauchte, geriet sie wirklich in Sorge und schickte die Buben aus, nach ihr zu suchen, während sie selbst und Mr. Otis alle Räume des Hauses durchstöberten. Um halb sieben kamen die Buben zurück und erklärten, von ihrer Schwester nirgendwo eine Spur entdecken zu können. Nun gerieten alle in einen Zustand höchster Aufregung und wussten nicht, was sie tun sollten; doch plötzlich erinnerte sich Mr. Otis, dass er vor ein paar Tagen einer Zigeunerbande die Erlaubnis erteilt hatte, im Park ihr Lager aufzuschlagen. Deshalb machte er sich sogleich in Begleitung seines ältesten Sohnes und zweier Landarbeiter auf den Weg nach Blackfell Hollow, wo sich die Zigeuner seines Wissens aufhielten. Der kleine Herzog von Cheshire, der vor Besorgnis völlig außer sich war, bat ihn inständig um die Erlaubnis, sich anschließen zu dürfen, aber Mr. Otis wollte es nicht gestatten, weil er fürchtete, es könne dann zu einem Handgemenge kommen. Als sie die Stelle erreicht hatten, entdeckte er freilich, dass die Zigeuner fort waren, und offensichtlich waren sie recht plötzlich aufgebrochen, denn das Feuer brannte noch, und ein paar Teller lagen im Gras. Nachdem er Washington und die beiden Männer losgeschickt hatte, den ganzen Bezirk nach allen Richtungen hin zu durchsuchen, eilte er heim und sandte Telegramme an alle Polizeiinspektoren der Grafschaft, nach einem kleinen Mädchen zu forschen, das von Landstreichern oder Zigeunern entführt worden sei. Dann befahl er, sein Pferd zu bringen, und nachdem er ausdrücklich darauf bestanden hatte, dass sich seine Frau und die drei jungen zu Tisch setzten, ritt er mit einem Reitknecht auf der Straße nach Ascot davon. Doch kaum war er zwei Meilen weit gekommen, da hörte er jemand hinter sich her galoppieren, und als er sich umdrehte, sah er den kleinen Herzog auf seinem Pony heranjagen, mit hochrotem Gesicht und ohne Hut. »Es tut mir schrecklich leid, Mister Otis«, keuchte der Junge, »aber ich kann nicht essen, solange Virginia nicht da ist. Bitte, seien Sie mir nicht böse; wenn Sie letztes Jahr in unsere Verlobung eingewilligt hätten, wäre der ganze Kummer nicht passiert. Sie werden mich nicht zurückschicken, nicht wahr? Ich kann nicht zurück! Ich will nicht zurück!«
Der Gesandte musste lächeln über den hübschen jungen Taugenichts und war sehr gerührt über seine Liebe zu Virginia, deshalb beugte er sich vom Pferd, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und sagte: »Also gut, Cecil, wenn Sie nicht zurück wollen, werden Sie wohl mitkommen müssen, aber in Ascot muss ich Ihnen einen Hut besorgen.«
»Oh, zum Henker mit meinem Hut! Ich will Virginia wiederhaben!« rief der kleine Herzog lachend aus, und sie galoppierten weiter zum Bahnhof. Dort erkundigte sich Mr. Otis bei dem Stationsvorsteher, ob jemand, auf den Virginias Beschreibung zuträfe, auf dem Bahnsteig gesehen worden sei, konnte jedoch nichts über sie erfahren. Immerhin telegraphierte der Stationsvorsteher die ganze Strecke hinauf und hinab und versicherte ihm, dass man scharf nach ihr Ausschau halten werde, und nachdem Mr. Otis bei einem Tuchwarenhändler, der eben dabei war, den Laden zu schließen, für den kleinen Herzog einen Hut gekauft hatte, ritt er nach Bexley, einem vier Meilen entfernten Dorf, das ihm als bekannter Aufenthaltsort der Zigeuner genannt worden war, weil in der Nähe eine große Gemeindeweide lag. Hier weckten sie den Gendarmen, konnten aber keine Auskunft von ihm erhalten, und nachdem sie die ganze Gemeindeweide abgeritten waren, lenkten sie ihre Pferde heimwärts und langten gegen elf Uhr todmüde und tiefbekümmert in Canterville Chase an. Sie stießen auf Washington und die Zwillinge, die am Pförtnerhäuschen mit Laternen auf sie warteten, weil die Allee sehr finster war. Von Virginia war nicht die mindeste Spur entdeckt worden. Die Zigeuner hatte man auf den Brockleywiesen eingeholt, aber Virginia war nicht bei ihnen, und ihren plötzlichen Aufbruch erklärten sie damit, dass sie sich im Datum des Jahrmarkts von Chorton geirrt und sich aus Angst, zu spät zu kommen, in aller Eile davongemacht hätten. Die Nachricht von Virginias Verschwinden hatte sie tatsächlich tief betrübt, da sie Mr. Otis sehr dankbar waren für die Erlaubnis, in seinem Park zu lagern, und ihrer vier waren zurückgeblieben, um bei den Nachforschungen zu helfen. Der Karpfenteich war mit Schleppnetzen abgesucht und ganz Canterville Chase durchstöbert worden, aber ohne jeden Erfolg. Offensichtlich war ihnen Virginia, zumindest für diese Nacht, verloren, und so wanderten Mr. Otis und die jungen Leute in einem Zustand tiefer Niedergeschlagenheit dem Hause zu, gefolgt von dem Reitknecht mit den beiden Pferden und dem Pony. In der Halle fanden sie eine Schar verschreckter Dienstboten vor, und in der Bibliothek lag auf einem Sofa die arme Mrs. Otis, fast von Sinnen vor Angst und Sorge, und die alte Haushälterin kühlte ihr die Stirn mit Eau de Cologne. Mr. Otis bestand nachdrücklich darauf, dass sie etwas zu sich nähme, und bestellte sofort das Nachtessen für alle. Es war ein trübseliges Mahl, da kaum einer sprach, und selbst die Zwillinge waren scheu und kleinlaut, da sie ihre Schwester sehr lieb hatten. Als sie fertig waren, schickte Mr. Otis, ungeachtet der inständigen Bitten des kleinen Herzogs, alle zu Bett, mit den Worten, in dieser Nacht könne nichts mehr unternommen werden, und am Morgen werde er Scotland Yard telegraphisch um die schleunige Entsendung einiger Detektive bitten. Gerade als sie das Speisezimmer verließen, begann es vom Turm Mitternacht zu dröhnen, und als der letzte Ton hallte, vernahmen sie ein Krachen und einen jähen, durchdringenden Schrei; ein Donnerschlag erschütterte das Haus, eine überirdische Musik wehte durch die Luft, ein Paneel oben im Treppenhaus sprang mit lautem Getöse zurück, und auf den Treppenabsatz, sehr bleich und sehr weiß, ein Schmuckkästchen in der Hand, trat Virginia. Im Nu waren alle zu ihr hinaufgestürmt. Mrs. Otis schloss sie leidenschaftlich in ihre Arme, der Herzog erstickte sie mit ungestümen Küssen, und die Zwillinge vollführten einen wilden Kriegstanz um die Gruppe.
»Grundgütiger Himmel! Kind, wo bist du gewesen?«, fragte Mr. Otis etwas ärgerlich, weil er meinte, sie habe ihnen einen närrischen Streich gespielt. »Cecil und ich haben auf der Suche nach dir die ganze Gegend abgeritten, und deine Mutter hat sich zu Tode geängstigt. Solche Späße darfst du dir nie wieder erlauben.«
»Außer mit dem Gespenst! Außer mit dem Gespenst!« schrien die umherhüpfenden Zwillinge.
»Mein Herzensliebling, Gott sei Dank, dass du wieder da bist; du darfst nicht mehr von meiner Seite gehen«, flüsterte Mrs. Otis und küsste ihr zitterndes Kind und strich ihm über das wirre Goldhaar.
»Papa«, sagte Virginia ruhig, »ich war bei dem Gespenst. Es ist tot, und ihr müsst mitkommen und es sehen. Es ist sehr böse gewesen, hat aber ehrlich bedauert, was es alles getan hat, und ehe es starb, schenkte es mir dieses Kästchen mit schönem Schmuck.« Die ganze Familie starrte sie in stummer Verwunderung an, aber sie war sehr ernst und feierlich, wandte sich um und führte sie durch die Öffnung im Wandgetäfel in einen engen Geheimgang; Washington folgte als letzter mit einer brennenden Kerze, die er vom Tisch genommen hatte. Endlich gelangten sie an eine mächtige, mit rostigen Nägeln beschlagene Eichentür. Als Virginia sie berührte, schwang sie in ihren schweren Angeln zurück, und sie sahen sich in einem niedrigen kleinen Raum mit gewölbter Decke und einem winzigen vergitterten Fenster. In die Wand eingelassen war ein gewaltiger Eisenring und daran gekettet ein klapperdürres Skelett, das auf dem Steinboden ausgestreckt lag und mit seinen langen fleischlosen Fingern nach einem altertümlichen Holzteller und einem Krug zu greifen schien, die man um eine Winzigkeit außer seiner Reichweite hingestellt hatte. Der Krug war offenbar einst mit Wasser gefüllt gewesen, denn innen war er mit grünem Schimmel bedeckt. Auf dem Holzteller befand sich nichts als ein Häufchen Staub. Virginia kniete neben dem Skelett nieder, faltete ihre kleinen Hände und begann lautlos zu beten, während die anderen staunend auf die grausige Tragödie blickten, deren Geheimnis ihnen nun enthüllt war.
»Hallo!« rief plötzlich einer der Zwillinge, der durch das Fenster geschaut hatte, um zu entdecken, in welchem Flügel des Hauses der Raum gelegen war. »Hallo! Der alte verdorrte Mandelbaum hat Blüten getrieben. Ich kann sie ganz deutlich im Mondlicht erkennen.«
»Gott hat ihm vergebenen, sagte Virginia ernst, während sie aufstand, und ein herrliches Leuchten schien ihr Gesicht zu erhellen.
»Sie sind ein Engel!« rief der junge Herzog und legte den Arm um ihren Hals und küsste sie.



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RE:Oscar Wilde - Das Gespenst von Chanterville

in Sonstige Geschichten 19.04.2003 22:06
von Susasami • Admin - Das Hausekel ;) | 2.393 Beiträge

Kapitel VII
Vier Tage nach diesen seltsamen Ereignissen verließ gegen elf Uhr abends ein Trauerzug Canterville Chase. Der Leichenwagen wurde von acht Rappen gezogen, die auf dem Kopf große Büschel nickender Straußenfedern trugen, und den Bleisarg bedeckte ein kostbares purpurnes Bahrtuch, auf das mit Gold das Wappen derer von Canterville gestickt war. Neben dem Leichenwagen und den Kutschen schritten die Diener mit brennenden Fackeln, und der ganze Zug war wunderbar ergreifend. Lord Canterville war der Hauptleidtragende und eigens aus Wales hergekommen, um an dem Leichenbegängnis teilzunehmen; er saß mit der kleinen Virginia im ersten Wagen. Dann folgten der Gesandte der Vereinigten Staaten und seine Gattin, dann Washington und die drei Buben, und im letzten Wagen saß Mrs. Umney. Alle waren sich einig gewesen in dem Gefühl, dass sie ein Recht habe, sein Ende mitzuerleben, da sie mehr als fünfzig Jahre ihres Lebens von dem Gespenst erschreckt worden war. Ein tiefes Grab war in der Ecke des Friedhofs ausgehoben, just unter der alten Eibe, und Ehrwürden Augustus Dampier hielt auf höchst eindrucksvolle Weise den Gottesdienst. Als die feierliche Handlung beendet war, löschten die Diener nach einem alten Brauch des Hauses Canterville ihre Fackeln, und als der Sarg ins Grab gesenkt wurde, trat Virginia vor und legte ein großes Kreuz aus weißen und rosa Mandelblüten darauf nieder. Im gleichen Augenblick kam der Mond hinter eine Wolke hervor und überflutete den kleinen Friedhof mit seinem lautlosen Silber, und in einem fernen Hag begann die Nachtigall zu singen. Virginia dachte daran, wie ihr das Gespenst den Garten des Todes geschildert hatte, ihre Augen wurden trüb von Tränen, und auf der Heimfahrt sprach sie kaum ein Wort.
Am nächsten Morgen, ehe Lord Canterville nach London fuhr, hatte Mr. Otis eine Unterredung mit ihm über den Schmuck, den das Gespenst Virginia geschenkt hatte. Er war einfach herrlich, vor allem ein Halsband von Rubinen, eine Arbeit aus dem sechzehnten Jahrhundert, und er war so ungemein wertvoll, dass Mr. Otis erhebliche Bedenken hatte, ob er seiner Tochter gestatten dürfe, ihn anzunehmen.
»Mylord«, sagte er, »ich weiß, dass in ihrem Land Schmucksachen ebenso als unveräußerliches Gut gelten wie Grund und Boden, und es ist mir völlig klar, dass dieser Schmuck ein Familienerbstück ist oder sein sollte. Ich muss Sie demnach bitten, ihn nach London mitzunehmen und durchaus als einen Teil Ihres Eigentums zu betrachten, der Ihnen unter ungewöhnlichen Umständen zurückerstattet wurde. Was meine Tochter betrifft, so ist sie ja ein reines Kind und hat, wie ich mit Freuden behaupten kann, noch wenig Interesse für dergleichen Zubehöre eitler Prachtliebe. Mistress Otis, die, ich darf sagen, in Dingen der Kunst keine geringe Autorität ist, da sie den Vorzug genoss, als junges Mädchen mehrere Winter in Boston zu verbringen, hat mir überdies mitgeteilt, dass diese Edelsteine von ganz erheblichem Wert sind und bei Verkauf einen hohen Preis erzielen würden. Ich bin überzeugt, Lord Canterville, dass Sie zugeben werden, wie unmöglich es unter diesen Umständen für mich wäre, sie im Besitz eines Mitgliedes meiner Familie verbleiben zu lassen, und in der Tat wäre all dieser Putz und Tand, wie angemessen oder unerlässlich auch immer für das Ansehen der britischen Aristokratie, völlig fehl am Platze bei denen, die in den strengen und, ich glaube, unvergänglichen Grundsätzen republikanischer Einfachheit erzogen sind. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass Virginia sehr viel an Ihrer Erlaubnis gelegen ist, das Kästchen als eine Erinnerung an Ihren unglücklichen, aber irregeleiteten Vorfahren behalten zu dürfen. Da es sehr alt ist und sich folglich in einem ziemlich schlechten Zustand befindet, werden Sie vielleicht nichts dagegen haben, ihre Bitte zu erfüllen. Ich für mein Teil muss gestehen, dass es mich einigermaßen überrascht, bei einem meiner Kinder Interesse für etwas Mittelalterliches festzustellen, und kann es nur dem Umstand zuschreiben, dass Virginia in einem Ihrer Londoner Vororte geboren wurde, kurz nachdem Mistress Otis von einer Reise nach Athen zurückgekehrt war.«
Lord Canterville hörte sich die Rede des vortrefflichen Gesandten ganz ernst an, wobei er hin und wieder an seinem grauen Schnurrbart zupfte, um ein unwillkürliches Lächeln zu verbergen, und als Mr. Otis geendet hatte, schüttelte er ihm herzlich die Hand und erwiderte: »Mein lieber Mister Otis, Ihre reizende kleine Tochter hat meinem unglücklichen Vorfahren, Sir Simon, einen höchst bedeutenden Dienst erwiesen, und ich und meine Familie sind ihr für ihren erstaunlichen Mut und ihre Unerschrockenheit zu großem Dank verpflichtet. Der Schmuck gehört zweifellos ihr, und wahrhaftig, ich glaube, wenn ich so herzlos wäre, ihn ihr zu nehmen, würde der böse alte Gesell binnen vierzehn Tage aus seinem Grab steigen und mir das Leben verteufelt sauer machen. Was den Begriff Erbstück betrifft, so ist nichts ein Erbstück, was nicht als solches in einem Testament oder Aktenstück aufgeführt ist, und das Vorhandensein dieses Schmucks war völlig unbekannt. Ich versichere Ihnen, dass ich nicht größeren Anspruch auf ihn habe als Ihr Butler, und ich möchte behaupten, wenn Miss Virginia heranwächst, wird sie sich freuen, so hübsche Dinge tragen zu können. Außerdem vergessen Sie, Mister Otis, dass Sie die Einrichtung und das Gespenst zum Taxpreis übernahmen, und somit ging alles, was dem Gespenst gehörte, in Ihren Besitz über; denn welche Tätigkeit Sir Simon auch nachts im Korridor entwickelte, vom gesetzlichen Standpunkt aus war er einwandfrei tot, und Sie haben sein Eigentum durch Kauf erworben.«
Mr. Otis war recht bekümmert über Lord Cantervilles Weigerung und bat ihn, sich seinen Entschluss noch einmal zu überlegen, aber der gutmütige Lord blieb fest und bekam den Gesandten schließlich soweit, dass er seiner Tochter erlaubte, das von dem Gespenst erhaltene Geschenk zu behalten, und als im Frühjahr 1890 die junge Herzogin von Cheshire anlässlich ihrer Vermählung beim ersten großen Empfang der Königin vorgestellt wurde, war ihr Schmuck allerseits Gegenstand der Bewunderung. Denn Virginia erhielt die Adelskrone, die Belohnung aller tugendhaften kleinen Amerikanerinnen, und heiratete ihren jugendlichen Verehrer, sobald er mündig geworden war. Sie waren beide so reizend und liebten einander so sehr, dass sich alle über die Heirat freuten, ausgenommen die alte Marquise von Dumbleton, die versucht hatte, den Herzog für eine ihrer sieben unverheirateten Töchter zu angeln, und deswegen nicht weniger als drei kostspielige Festessen gegeben hatte, und ausgenommen, wie seltsam es auch klingt, Mr. Otis. Mr. Otis mochte den jungen Herzog persönlich überaus gern, theoretisch war er jedoch gegen Titel und, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, >nicht ohne Besorgnis, dass unter den entnervenden Einflüssen einer vergnügungssüchtigen Aristokratie die wahren Grundsätze republikanischer Einfachheit vergessen würden<. Aber seine Einwände wurden als unhaltbar verworfen, und ich glaube, als er, seine Tochter am Arm, durch das Seitenschiff der Sankt-Georgs-Kirche, Hanover Square schritt, gab es in ganz England weit und breit keinen stolzeren Mann.
Als die Flitterwochen vorüber waren, begaben sich der Herzog und die Herzogin nach Canterville Chase und gingen am Nachmittag des zweiten Tages zu dem einsamen Friedhof hinter den Fichtenwäldern. Die Inschrift für Sir Simons Grabstein hatte zuerst großes Kopfzerbrechen bereitet, doch am Ende war man zu dem Entschluss gekommen, nur die Initialen des alten Herrn und die Verse vom Fenster der Bibliothek gravieren zu lassen. Die Herzogin hatte wunderschöne Rosen mitgebracht, die sie auf das Grab streute, und nachdem sie eine Weile davor gestanden hatten, schlenderten sie zu dem verfallenen Chor der alten Abtei. Dort setzte sich die Herzogin auf eine umgestürzte Säule, und ihr Gatte legte sich zu ihren Füßen nieder, rauchte eine Zigarette und blickte zu ihren schönen Augen auf Plötzlich warf er die Zigarette fort, ergriff ihre Hand und sagte: »Virginia, eine Frau sollte vor ihrem Mann keine Geheimnisse haben.«
»Lieber Cecil! Ich habe keine Geheimnisse vor dir.«
»Doch«, antwortete er lächelnd, »du hast mir nie erzählt, was dir begegnete, als du mit dem Gespenst eingeschlossen warst.« »Das habe ich niemandem erzählt, Cecil", sagte Virginia ernst.
»Ich weiß, aber mir könntest du es sagen.«
»Verlang es bitte nicht von mir, Cecil, ich kann es dir nicht sagen. Der arme Sir Simon! Ich verdanke ihm so viel. ja, lach nicht, Cecil, es ist wirklich so. Er hat mich erkennen lassen, was das Leben ist und was der Tod bedeutet und warum die Liebe stärker ist als beide.«
Der Herzog stand auf und küsste liebevoll seine Frau. »Du kannst dein Geheimnis so lange behalten, wie mir dein Herz gehört«, sagte er leise.
»Das hat dir schon immer gehört, Cecil.«
»Und eines Tages wirst du 's unsern Kindern erzählen, nicht wahr?«
Virginia errötete.

... Ende


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#8

RE:Oscar Wilde -

in Sonstige Geschichten 20.04.2003 12:06
von Selec


cool Susa !
Ich bin ein grosser Wilde- Fan.

Heute abend kommt auf 3Sat übrigens Seine Biographie !



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#9

RE:Oscar Wilde -

in Sonstige Geschichten 20.04.2003 12:21
von Mairi
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@Selec

Echt!

Super!

@Susa
Du bist Klasse,
weisst Du eigentlich wie lange ich nach Texten von Wilde gesucht habe?


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